Irlen-Syndrom-Tagebuch (2)


2. Der Maulwurf

Warten, vier Wochen, oder vielleicht sogar sechs. Warten auf die ersten Irlen-Gläser. Aber sie sind bestellt. Meine Gläser sind bestellt. Welcher Tag ist heute?

Bin ein echter Maulwurf geworden. Der kleine Spalt unterhalb der Jalousie läßt gefährlich viel Licht in mein Schlafzimmer. Es ist früher Abend und das schwache Abendlicht frißt sich durch diesen kleinen Spalt, durch meine Augen, direkt in mein Hirn, lähmt es und verursacht einen andauernden Schwindel.

Wie werde ich die nächsten Wochen überleben? Wie soll ich mein Geld verdienen, wenn ich so angeschlagen bin? Versteckt in der Wohnung, in verdunkelten Räumen?

Und in meinem Büro? Wie war es heute? Alle Jalousien waren heruntergelassen. Möglichst wenig Licht sollte mich erreichen. Schließlich brannte es in meinem Kopf und ließ mich vollständigen verkrampfen. Die Rechner summten. Imke, die Praktikantin saß in dem bequemen Sessel in der rechten Ecke des Raumes und las, gedankenverloren, in einer Zeitschrift. Ich hatte mich in dem kleinen dunklen Lagerraum zurückgezogen, das Licht ausgeschaltet. Hier war kein Fenster. Nur etwas Licht drang durch den Spalt der angelehnten Tür zu mir herüber. Gerade soviel wie ich ertragen konnte. Auf dem Rücken liegend überlegte ich, wann ich den nächsten Angriff auf die Computer starten sollte. Wie lange würde ich diesmal das Monitorlicht aushalten? Sollte ich viele kleine Pausen machen oder besser einige wenige längere?

Nach wenigen Minuten am Computer gab ich auf, eilte, verletzt durch das aggressive Licht des Monitors, in meine Dunkelkammer zurück, legte mich sofort wieder erschöpft auf den Rücken.

3. Geht doch – geht doch nicht

Ein ganzer Raum für mich. Der Kreativ-Direktor der Essener Agentur at ist in Urlaub gefahren und ich habe die Ehre, in seinem Büro zu arbeiten. Ein aufgeräumtes Büro, ausnahmsweise. Keine Berge von Bildkatalogen, keine umherfliegenden Besprechungsberichte. Ich kann auf dem direkten Weg zu meinem neuen Arbeitsplatz gehen. Ein schneller Mac, eine schneller PC für die Internetrecherche. Vier Wochen soll ich für Krombacher arbeiten. Na also, geht doch. Ich bin zuversichtlich.

Immer noch warte ich auf meine erste Irlen-Brille, ich bin aber zuversichtlich, dass ich das alles schaffe, auch diesen Job.

Ich stürze mich auf die Arbeit, layoute, präsentiere, sammle Bilder, mache erste grafische Vorschläge. Aus "Frische" wird "Vergnügen" und ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich besser ist, für Krombacher. Habe aber auch keinen durchschlagenden Ansatz, bin aber auf der Fährte, aber weit davon entfernt, gute Arbeit zu leisten.

Der Geschäftsführer läßt meine Entwürfe in den Papierkorb wandern und ich merke, dass hier was im Busch ist. Die Aggressivität, die Distanz zwischen den Mitarbeitern – dicke Luft. Na denn. Kreative haben die Fähigkeit, in Zeiten einmaliger Herausforderungen, besonders schwierig zu sein, zu sich, zu den Anderen. Ich hoffe, dass niemand meine kleinen Ausfälle mitbekommt, meine Schwächeanfälle. Sehe ich noch alles? Verschwinden da nicht schon Bruchstücke aus dem Gesicht von Herrn Radtke?

Nach vier Tagen kommt dann doch mein Aus. Der Monitor verwandelt sich zu einem Kaleidoskop. Bilder verdrehen sich ineinander. Sind schneller als mein Blick. Stechende Schmerzen und Schwindel durch das Licht.

In der folgenden Nacht schlafe ich fast gar nicht, wache am frühen Morgen mit einem Narkolepsie-Anfall auf. Bin wach und mein Körper ist gelähmt. Energiewellen schießen vom Kopf in den Rücken. Gott sei Dank keine Halluzinationen. Systemabsturz auf allen Ebenen. Ich überlege einige Stunden was ich tun soll, telefoniere schließlich mit Annette Lülf, einer befreundeten Heilpraktikerin, um mir einen Rat geben zu lassen. Ich kann mich nicht von diesem Auftrag trennen. Und ich kann mir nicht eingestehen, dass ich zur Zeit arbeitsunfähig bin. Nur noch diesen einen Auftrag, schießt mir durch den Kopf und dann soll die Irlen-Therapie beginnen. Mit einem schlechtem Gewissen sage schließlich ich den Job ab, weil das die richtige Entscheidung ist. Aus. Ich hatte mich über- und das Irlen-Syndrom unterschätzt.

Plötzlich scheint alles still zu stehen. Als hätte ich einen Schnellzug verlassen in dem jahrelang ein geschäftiges Treiben geherrscht hat, stehe ich nun an einem Bahnhof, all das verlassen, was meine Selbstständlichkeit so spannend und aufregend gemacht hat, was mich belebt hatte. Endstation. Das war vorerst mein letzter Job, wird mir in diesem Moment klar.

Seltsamerweise ergreift mich kurz darauf ein Gefühl der Erleichterung. Schließlich hatte ich sechs Jahre ohne Pause, ohne Urlaub und wenig freien Wochenenden durchgearbeitet, und vergessen, dass es da noch etwas anderes im Leben gibt: die Ruhe, das Vergnügen, die Liebe oder einfach nur ein blauer Himmel.

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