Irlen-Syndrom-Tagebuch

Neben den digital bearbeiteten Fotos habe ich parallel, in einem Art Tagebuch, einzelne Stationen meiner Wahrnehmungsumstellung mit Hilfe der Irlen-Filter dokumentiert. Während die Fotoarbeiten möglichst sachlich einzelne visuelle Störungen beschreiben sollen, geben die Tagebuchtexte eher einen Einblick in die psychologischen Aspekte des Irlen-Syndroms. Wie wirkt sich eine verzerrte Wahrnehmung auf die Psyche eines Menschen aus?

Das Schreiben hat mir geholfen, mich mit meinen Wahrnehmungsstörungen besser zu verstehen. Vielleicht helfen Ihnen diese Beschreibungen, das Irlen-Syndrom zu verstehen.

Bitte beachten Sie, dass nicht jede Wahrnehmungsumstellung so intensiv erlebt wird. Das hängt immer von der Ausprägung der individuellen visuellen Wahrnehmungsstörungen (Irlen-Syndrom) ab. Eine ergänzende therapeutische Begleitung kann ggf. in der Umstellungsphase angezeigt sein. Empfehlenswert sind hier Therapeuten, die Erfahrungen mit Irlen-Filtern haben.
Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft, sich mit dem Irlen-Syndrom nicht allein zu fühlen und es besser zu verstehen.


Das Irlen-Syndrom-Tagebuch von Markus Jöhring:

"Du liest?

Nein, Du denkst nur, dass du liest.

Bist du allein oder siehst du jemanden? Ist das deine Frau, dein Mann, deine Tochter?

Hat dir jemand gesagt, dass das deine Frau ist? Oder lebst du von den Bruchstücken deiner letzten Erinnerungen an eine Welt, die dir einmal sehr vertraut war?

Und du sagst dir, ja, das ist sie, meine Frau, meine Tochter, mein lieber Ehemann?

Wo bist du?

Kannst du deinen Standort im Raum wahrnehmen?

Ja sicher, denkst du, jeder kann das.

Denken reicht aber nicht.

Denken hält die Illusion aufrecht.

Und das ist erst einmal gut so."



1. Farbige Folien und ein Aktenkoffer

Ich sitze, und das ist gut, blicke durch die Autoscheibe nach draußen. Komm’ ich da rein, in die andere Welt, die richtige, die normale Wahrnehmung? Was passiert hier? Was ist los?
Meine Verwirrung ist groß. So ist das also. Mir laufen die Tränen und ich bin froh, erfahren zu haben, dass es noch eine "andere Welt" gibt.
Als Frau Perpeet, die Irlen-Diagnostikerin aus Soest, die Farbfolien mit mir getestet hatte, bekam ich zum ersten Mal diesen Realitätskick. Ich sah durch diese Folie und die Schrift entschied sich, eine kleine Pause zu machen, bewegte sich nur langsam und in kleineren Wellen. Das war das erste "Hallo!" aus der anderen Wahrnehmungswelt. Und heute, eine Woche nach dem Folien-Test, die Irlen-Gläser. Farbige Gläser aus einem Aktenkoffer, Gläser die ich vor meinen Augen halte, Gläser, die mich besänftigen, die mir einen kleinen Spalt in eine mir fremde Welt öffnen, mir versprechen, was mir schon immer zustand – eine normale Wahrnehmung.
Ich sitze in meinem Auto und  fühle mich betrogen, allein und bin erschüttert. „Nehmen sie jemanden mit,“ hatte Frau Perpeet mir geraten. Jetzt weiss ich warum.

Schließlich fahre ich los, ohne die neuen Gläser, die müssen erst einmal in den USA angefertigt werden. Ich bin aufgewühlt und ziemlich verwirrt. Ich kann mir nicht vorstellen, was mich noch erwartet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das andere Sehen wirklich funktioniert, wie die Welt ist, wie sie ist.
Ich bekomme eine Ahnung von dem, was ich noch erfahren werde. Jetzt muss ich erst einmal warten. Die Gläser aus dem Testkoffer bleiben in Soest.

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