Liebe Besucherin,
lieber Besucher,

ungefähr fünf Jahre lag diese Dokumentation unbeachtet in meinem Archiv. Als ich im Jahre 2001 die ersten Fotos digital veränderte, um zu verstehen, wie ich 35 Jahre lang gesehen habe, wusste ich noch nicht, wieviel ich auf diesem Weg über mich und das Irlen-Syndrom erfahren würde. Nach und nach dokumentierte ich einzelne visuelle Störungen und ergänzte diese Arbeit mit meinen persönlichen Erfahrungsberichten. Die Tagebucheintragungen beschreiben ergänzend die psychologischen Aspekte des Irlen-Syndroms.

Im Austausch mit anderen Betroffenen habe ich dann erfahren, dass ich offensichtlich allgemeingültige Phänomene beschrieben habe, die lediglich in ihrer Ausprägung variierten.

Der Dokumentation gab ich den Titel  „So kann man sich irlen." und organisierte Ausstellungen und berichtete in einigen Fachkliniken von meinen Erfahrungen. Ich habe Unterstützung von Ärzten und Krankenkassen erfahren, aber auch Zurechtweisungen und persönliche Angriffe.

Nachdem ich nach meiner Genesung erst einmal meine selbstständige Arbeit als Diplom Designer wieder aufnahm, ruhte die Öffentlichkeitsarbeit zum Irlen-Syndrom. Im November 2011 fand ich schließlich wieder den Zugang zu dieser Arbeit, die ich nun mit dieser Homepage veröffentlichen möchte.

Diese Dokumentation läßt uns erstmalig in eine fragmentierte, autistische Erlebniswelt blicken. Die verzerrte, zersplitterte Wahrnehmung wirkt befremdlich, fast bedrohlich.

Die hier dargestellten Wahrnehmungsstörungen sind besonders stark ausgeprägt und sind nur bei einem Teil der Betroffenen in dieser Intensität festzustellen. Sie weisen jedoch sehr anschaulich, in Wort und Bild, auf viele Sekundärerkrankungen und Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen (Autismus, Aufmerksamkeitsstörung, Depression, fehlendes dreidimensionales Sehen, Hyperaktivität, Migräne, Persönlichkeitsstörung, psychotisches Erleben, Schreib, -leseschwäche) hin. Und das macht die Brisanz dieser Dokumentation aus. Besonders in unserer psychologisierten Gesellschaft, in der immer mehr nach psychischen Ursachen gefahndet wird, müssen wir lernen, differenzierter zu diagnostizieren und festgefahrene Denkmodelle über ursächliche Störung und sichtbares Symptom, zu überdenken.

Ich habe den Mut gefunden, auf eine sehr persönliche Art und Weise über meine Erfahrungen zu berichten – ich würde mich freuen, wenn Sie den Mut finden, sich vorzustellen, dass es "Sehstörungen" gibt, von denen Sie bisher nicht gehört haben.

Welche Bedeutung der Sprache bei dieser Arbeit zukommt, wird am Bespiel des Begriffs "Wahrnehmung" deutlich. Weil dieser Begriff im Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen Verwendung findet, möchte ich, wenn wir über das Irlen-Syndrom sprechen, eigentlich lieber den Begriff Sehstörungen verwenden.

Die von mir beschriebenen visuellen Störungen zu psychologisieren, bzw. den Grund dieser visuellen Störungen in einer psychischen Erkrankung zu suchen, scheint für viele Ärzte naheliegend und bisweilen selbstverständlich zu sein. Diese Vorstellung wurde mir häufig und oft ohne Hintergrundwissen vermittelt.

Wenn Sie eine Brille tragen, weil Sie weit- oder kurzsichtig sind, kommt Ihnen die Vorstellung vielleicht auch absurd vor, dass sich hinter Ihrer Sehschwäche angeblich eine psychische Erkrankung verbergen soll.
Ein Facharzt interpretierte meine persönlichen Beschreibungen meiner Symptome des Irlen-Syndroms mit dem Kommentar: "Vielleicht wollen Sie ja nicht richtig hinsehen." Er selbst trug eine Lesebrille und wollte meine Fotoarbeiten zum Irlen-Syndrom nicht betrachten.
Tatsächlich habe ich seit Anfang meines 22. Lebensjahr intensive psychotherapeutische und körperorientierte Therapien in Anspruch genommen, um mich besser zu verstehen. Sie waren sehr hilfreich. Die Symptome des Irlen-Syndroms konnten sie allerdings nicht verbessern. Das Irlen-Syndrom ist keine psychische Erkrankung. Das Irlen-Syndrom kann aber eine starke psychische Belastung sein.


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Dipl.-Des. Markus Jöhring  ·  0 23 61 - 10 86 48

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